Wo bist du?

Freitag, 04 Juni 2021

Wo bist du?

Diabolus, der Durcheinanderbringer, Versucher, wir sagen Teufel dazu: das gibt’s. Du musst nur dein Leben anschauen. Oder gibt es bei dir kein Durcheinander der Gedanken und Gefühle, keine Lust auf Abwege aller Art? Geht es dir nicht wie dem antiken Dichter Ovid und dem Kirchenvater Augustinus: „Das Gute sehe ich und bejahe es, dennoch folge ich dem Schlechteren.“ Und stillschweigend hinterfragen dich die anderen: Wo bist und stehst du? – Geht es dir so, dann bist du in guter Gesellschaft. Denn auch Jesus wurde versucht und musste – mitten in der Familie sogar – um seine Identität kämpfen. Freilich, sein ‚Standpunkt‘ war fest, denn er wusste sich als Mensch in Gott verankert. Davon sprechen die Lesungen des kommenden Sonntags.

„Wo bist du?“ – diese Frage stellt Gott Adam im Paradiesgarten. Offensichtlich trifft sie ins Schwarze, nicht nur beim ersten Menschenpaar. Denn solange wir uns im Eigenen wohl einrichten, meinen wir zu wissen, wo und wer wir sind. Wenn uns aber die rosarote Brille abgenommen wird, wir also aus dem selbstgemachten ‚Paradies‘ vertreiben werden, gehen uns die Augen auf, zu merken, dass wir nackt in unserer Begrenztheit und Kurzlebigkeit sind. Der Trug des Diabolus, der „alten Schlange“, besteht darin, uns einzuflüstern wir seien Herrschaften im eigenen Haus. Blind für Höheres, glauben wir das noch. Paulus ruft uns daher in Erinnerung, dass wir „nicht auf das Sichtbare, sondern auf das Unsichtbare blicken [sollen]; denn das Sichtbare ist vergänglich, das Unsichtbare ist ewig“ (2 Kor 4,18).

So haben sich sogar die Verwandten Jesu in der Perspektive des Sichtbaren als Versucher erwiesen: „Er ist von Sinnen“! Und wenn die schon so dachten, braucht man sich über das Urteil der Schriftgelehrten nicht zu wundern: „Er ist von Beélzebul besessen“!

Jesus selbst als Durcheinanderbringer?

Eigentlich ja, nur anders. Jesus bringt dich durcheinander, wenn du im Paradies deiner Selbstüberschätzung – der Erbsünde – verharrst. Jesus ist gekommen, um deine Identität im Unsichtbaren zu begründen. Damit du im Durcheinander der Standpunkte dein Fähnchen nicht nach dem Wind drehen und auf die Frage „Wo bist du“ nicht mit dem Schulterzucken antworten musst.

Gesegneten 10. Sonntag im Jahreskreis!

P. J. Gregur