Weizen und Unkraut

Freitag, 17 Juli 2020

Weizen und Unkraut

 Unter den Vorhaltungen, die man den Religionen gewöhnlich macht, ist, dass sie für die Gewaltausbrüche zwischen Menschen und Gruppen verantwortlich seien. ‚Mein Gott ist der richtige, also kann ich dem deinen gegenüber nicht tolerant sein; meine Religion allein ist die seligmachende, also ist deine falsch; meine Konfession ist die echte, deine häretisch, also darf ich dich bekämpfen.‘ So oder ähnlich können die Schlussfolgerungen ausfallen, meint man. Auch das Christentum sei hier nicht ausgenommen. Habe man doch im Namen Gottes Kreuzzüge organisiert, Hexen verbrannt, die Abweichler auf den Scheiterhaufen geführt.

Ich lese gerade das Buch „Toleranz und Gewalt. Das Christentum zwischen Bibel und Schwert“, eine bis ins Letzte dokumentierte, spannende Untersuchung der Kirchengeschichte durch den Historiker Arnold Angenendt. Dort kann man die geistesgeschichtliche Komplexität in Bezug auf Hexen und Häretiker nachlesen: Es war z. B. die gesellschaftliche Angst, Gottes Zorn könnte wegen Häresie alle treffen. Hinsichtlich der religiösen (In-)Toleranz belegt der Autor, dass das Christentum die gesellschaftliche Gewalt gerade nicht gemehrt, eher im Rahmen des Möglichen eingeschränkt habe. Bei Stammesreligionen sei es plausibel, den eigenen Stammesgott den anderen aufzuzwingen. Die Universalreligionen aber hätten das Zeug, jedes Tellerranddenken zu überwinden. Vor allem im Christentum. Nicht nur, weil Jesus gesagt hat, wir sollten dem Schläger auch die andere Backe hinhalten (Mt 5,39). Sondern, weil er den unduldsamen Jüngern, die das Unkraut vom Weizen trennen wollten, im Evangelium des kommenden Sonntags „entgegnete: Nein, damit ihr nicht zusammen mit dem Unkraut den Weizen ausreißt. Lasst beides wachsen bis zur Ernte“ (Mt 13,28-30). Es ist die Sache Gottes, nicht der Menschen, den Weizen vom Unkraut zu scheiden. Auf dieses Wort haben sich die Besonnenen in der Kirche von Anfang an wirkungsvoll berufen, wenn es galt, das pseudoreligiöse Gewaltpotenzial in die Schranken zu weisen.

 Vor allem aber ist das Christentum deswegen prinzipiell gewaltlos, weil Jesus  selbst die Gewalt radikal abgelehnt hat. Wäre er sonst am Kreuz gestorben? Jesu Wort: „An ihren Früchten werdet ihr sie [falsche Propheten] erkennen“ (Mt 7,20), könnte man daher positiv so variieren: An ihrer Wurzel, an der Gewaltlosigkeit Jesu, werdet ihr die Christen erkennen. Auf ihre Rückfälle in vorchristliche Atavismen – Thomas v. Aquin, Martin Luther und Calvin nicht ausgenommen – kann sich die Christenheit gewiss nichts einbilden. Auf Jesus allerdings schon!

 P. J. Gregur