'Offizielles' Gebet

Donnerstag, 12 November 2020

'Offizielles' Gebet

Es gibt viele schmucke Abzeichen,  aber nur ein Vereinswappen, und viele unterschiedliche Ländersymbole, aber nur eine Nationalfahne; und es gibt viele Gesänge, aber nur ein Deutschlandlied, die Nationalhymne. Sie ist wichtig, unveränderlich, ‚sakrosankt‘, Symbol, das die Identität einer Gemeinschaft repräsentiert. Entehrt oder zerstört man solche Symbole, um den Gegner ins Herz zu treffen, so kann das Kriege auslösen.

Wie der Staat offizielle Symbole und Veranstaltungen kennt, so gibt es auch in der Kirche identitätsstiftende Zusammenkünfte, Bauten, Bilder und Symbole, liturgische Geräte und gottesdienstliche Kleidung. Vieles Schmucke und Wertvolle davon wird in privater Initiative auf die Beine gestellt, je nach Gusto. Dazu zählen auch die unterschiedlichen, nicht offiziellen Gebetsformen und Feiern wie Frühschicht, Taizegebet, Nightfever. Daneben gibt es aber auch die sog. die offizielle Liturgie, mit der Eucharistiefeier und den Sakramenten im Zentrum, rituelle Standards, die für alle verbindlich sind. Weniger bekannt ist vielleicht, dass dazu auch das Stundengebet zählt. Man meint das Stundengebet sei nur etwas für Kleriker und Ordensleute, sie müssten ihr ‚Brevier‘ brav beten. Und da man unter Gebet etwas rein Persönliches versteht, verrichteten es früher viele von ihnen rein privat, für sich im stillen Kämmerlein. Dabei ist es, wie die Hl. Messe, ebenfalls eine offizielle Feier der Kirche, die das Zusammenkommen in der Gemeinschaft voraussetzt. Deshalb ermuntert das 2. Vatikanische Konzil alle zur Feier der Tagzeitenliturgie, wie man das Stundengebet heute nennt. Denn alle sind Kirche.

Aus diesem Grund beten – nein, feiern! – wir in der Kapelle mittwochs um 19 Uhr die Vesper (Abendlob) und täglich mittags (Montag bis Freitag) die Sext (Mittagsgebet). Feiern heißt: wir singen sie, denn der Gesang enthebt uns dem Alltag und ist eine Sache der Liebenden. Die offizielle Liturgie läuft freilich – weil Symbol – nach dem vorgegebenen Schema ab. Aber wie die Nationalhymne alle Deutschen unter einer Melodie und dem einen offiziellen Text verbindet, so nehmen wir die formale Verbindlichkeit der Vesper – mit dem Hymnus, den Psalmen, den Cantica usw. – nicht als ein lästiges Korsett wahr, sondern als eine Vor-Gabe, die uns über alle Zeiten und Grenzen hinweg gemeinschaftlich verbindet („Lied, das die Welt umkreist“).

Herzliche Einladung dazu! Jeden Mittwoch um 19 Uhr in der KHG-Kapelle

P. J. Gregur