Der Engel des Herrn

Freitag, 18 Dezember 2020

Der Engel des Herrn

„Der Engel des Herrn brachte Maria die Botschaft“ – wie geht der Satz weiter? Kennst du dieses Gebet noch, vielleicht von der Oma daheim? Früher wurde es täglich dreimal gebetet, beim Morgen-, Mittag- und Abendläuten. Es ist richtig schade, dass es verschwindet. Denn es ist die Erinnerung daran, dass das „Wort Fleisch geworden“ ist. Gott wird Mensch! Über diesen göttlichen ‚Wahnsinn‘ hätten sich die antiken Griechen nur amüsiert. Dass Götter sich in alles Mögliche verwandeln können, der Zeus z. B. in den Stier bei der Entführung Europas, das kannten sie auch. Aber dass ein Unsterblicher sich erniedrigt, um mit allen Nachteilen der Sterblichen Mensch zu werden, das wäre für sie doch ein Nonsens gewesen.

Die Menschwerdung ist tatsächlich etwas Unglaubliches und wir sollten den Zweiflern ihre Schwierigkeiten damit nicht verdenken. Wir sollten sie eventuell nur darauf aufmerksam machen, dass wir nicht einem Mythos auf den Leim gehen; dass wir an Weihnachten vielmehr den „wunderbaren Tausch“ bedenken, in dem Jesus das Defizit unserer Liebesunfähigkeit Gott und den Menschen gegenüber ausgleicht. Er wird Mensch, damit wir ‚göttlich‘ werden. Nicht nur wir, auch Gott will vollkommen geliebt werden. Nur geht das leider nicht. Nicht weil wir böse, sondern schlicht, weil wir begrenzt sind. Das ist, was Erbsünde genannt wird: lieben sollen und nicht können. In Jesu Hingabe, einem von uns und gleichzeitig einem für uns, wird Gott vollkommen geliebt und unsere gegenseitige Liebe bzw. Ethik begründet. An Weihnachten feiern wir in Jesus quasi die genetische Gesundung der an Liebesmangel kränkelnden Schöpfung.

Grund genug, dass unsere Glocken davon dreimal am Tag künden. „Und sie empfing vom Heiligen Geist“, heißt es an der genannten stelle weiter. Maria empfängt den Gottessohn im Namen der Menschheit. Ich hab noch das Bild der marienfrommen Bauern vor Augen wie sie beim Mittagsläuten ihre Kopfbedeckung abnehmen, die Hacke zur Seite legen oder, sich darauf stützend, gemeinsam zum Angelus anheben. Beim Schlüsselsatz „Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt“ klopften sie an die Brust als sollte es heißen: Wirklich, es mangelt uns an Liebe.

Die Menschwerdung ist zusammen mit der Auferstehung einer der Eckpunkte christlichen Glaubens. Dieser Glaube braucht Anregung und Nahrung. Das ist der Sinn des Mittags- und Abendläutens. In Istanbul habe ich erlebt, wie Muslime in großer Zahl auf den Muezzinruf hin zum Mittagsgebet in die Moschee eilen. Die Engelsbotschaft an Maria vom kommenden Sonntag ist vielleicht ein Wink, jetzt in der Zielgerade des Advents, auch unsere Gebetstradition neu zu entdecken. „Der ‚Engel des Herrn‘ ist eine bewährte Weise, den Tag zu heiligen“, sagt das „Gotteslob“. Dort ist der „Angelus“ auf Seite 36 (Nr. 3,6) zu finden.

P. J. Gregur