Dachschaden

Freitag, 01 Juli 2022

Dachschaden

In einem Workshop neulich regte sich jemand über die Formulierung, die die Katholiken vor der Kommunion sprechen: „Herr, ich bin nicht würdig, dass du eingehst unter mein Dach, aber sprich nur ein Wort, so wird meine Seele gesund.“ So könne man doch nicht sprechen, das verstehe kein Mensch mehr, eine modernere Formulierung müsse her!

Jetzt ist es aber so, dass das ein Zitat aus dem Evangelium ist, eine Bitte des Hauptmanns von Kafarnaum an Jesus, dass sein Diener gesundwerden möge (Mt 8,8). Der Soldat hatte offenbar einerseits das starke Gefühl, dass die Heiligkeit dieses Jesus gar nicht in sein Haus bzw. unter sein Dach passt. Andererseits klammerte er seine Hoffnung ebenso stark an die Fernwirkung seiner Heilskraft.

„Unter mein Dach“ ist also keine linkisch erfundene Formulierung, sondern ein Zitat aus der Bibel. Davon sind in der Liturgie unzählige. Wenn wir uns die Worte und Gebete, zu eigen machen, mit denen unsere Vorfahren mit Gott kommunizierten, machen wir uns ihre Glaubenshaltung zu eigen, fühlen uns mit ihnen verbunden und damit auch Jesus näher. Auch das Vaterunser ist nicht in allem hundertprozentig verständlich; aber ist ein Gebet Jesu. Das genügt uns. Oder ist es mit dem Satz aus dem Evangelium des kommenden Sonntags viel anders: „Siehe, ich habe euch die Vollmacht gegeben, auf Schlangen und Skorpione zu treten“ (Lk 10,19)?

Was aber das Bild vom Dach betrifft, so habe ich damit keine Probleme. Vor allem in seiner allegorischen Absicht. Das Dach bzw. das Haus ist nicht nur ein Gebäude, das wahrscheinlich bei Einem in guter Stellung ansehnlich gewesen sein wird. Das Dach ist hier und bei der Kommunion das Bild für den darunterliegenden seelischen Haushalt, wo nicht nur alles ‚wasserdicht‘ ist; gerade wegen so manch unserer Dachschäden in Glaube, Sitte und Moral, mit denen man sich vor Jesus schämt. Schön, dass er sich nicht zu schade ist, trotzdem darunter einzukehren!

Schönes Wochenende!

P. Gregur