Anwalt haben

Freitag, 18 März 2022

Anwalt haben

Es gibt diese berühmte Geschichte von Baron Münchhausen, der sich selbst und sein Pferd am eigenen Haarzopf aus dem Morast herausgezogen haben will; ein physikalisches Unding. Auf Zwischenmenschliches übertragen könnte das heißen, dass nicht nur das ‚Selbstlob stinkt‘, sondern auch die Selbstrechtfertigung auf Misstrauen stößt: Je mehr du dich erklärst, desto befangener kommst du rüber. Besser ist es, jemand zu haben, der für dich spricht, dein Anwalt bzw. deine Anwältin ist.

Das Evangelium des kommenden 3. Fastensonntags inspirierte mich zu dieser Einleitung. Dort wird von einem Feigenbaum erzählt, der schon wieder die erwartete Frucht nicht liefert. Deshalb soll er umgehauen werden. Aber der Gärtner macht sich zu seinem Verteidiger und bittet den Gutsbesitzer um eine weitere Gnadenfrist: Lass ihn doch noch stehen, vielleicht bringt er seine Frucht nächstes Jahr doch.

Wer ist dieser Gärtner, der Anwalt des Baumes? – „Wenn aber einer sündigt, haben wir einen Beistand beim Vater: Jesus Christus“ (1 Joh 2,1). Jesus ist Anwalt, nicht um den zornig-ungeduldigen Herrgott zu besänftigen. Gott hat ja „kein Gefallen am Tod des Schuldigen, sondern daran, dass ein Schuldiger sich abkehrt von seinem Weg und am Leben bleibt“ (Ez 33,11). Der Vergleich mit dem Gutsbesitzer, dessen Gnade ein Ende hat, ist nur ein Ausdruck für die Begrenzung unseres menschlichen Denkens: Irgendwann muss Schluss sein! Bei Jesus gilt das Wort, das er Petrus hinsichtlich Vergebungshäufigkeit sagte: Nicht siebenmal, sondern siebenundsiebzigmal d. h. immer. Der christliche Geduldsfaden sollte kein Ende haben.

Zurück zum Anwalt, praktisch und als Gewissensfrage, speziell jetzt in der Fastenzeit: Wann hast du dich zuletzt für jemand eingesetzt, für andere verwendet, ihre Sache dir zu eigen gemacht oder dich überhaupt dafür interessiert? „Ich habe keinen Menschen“, sagte der Gelähmte, um im entscheidenden Augenblick zum Gesundheitsteich hingetragen zu werden (Joh 5,7f). Es gibt auch jetzt viele, die keinen Menschen haben; zum Zuhören, zur Aussprache, als ‚Klagemauer‘, als Für-SprecherIn bei Mobbing und Verleumdung. Münchhausens Geschichte zeigt: Aus menschlichem Sumpf von Verstrickungen, Schuld und Bosheit kommt man ohne Gott und gegenseitige Hilfe kaum heraus.

Gesegneten dritten Fastensonntag wünscht euch

P. J. Gregur